Das Schulwesen des Gottscheer Landes, Josef Perz, Fritz Högler, Oberlehrer, 1930


Die Gottscheer, ein Splitter deutschen Volkstums auf einem Gebiete von etwa 850 qkm im südöstlichen Teile Krains, haben schon früh den Wert der Schulbildung zu schätzen gewußt. Dazu mochte wohl der Umstand beigetragen haben, daß sie in regem Handelsverkehr mit den benachbarten Kroaten standen, zu denen sie auf Saumrosse ihre heimischen Erzeugnisse, Leinwand und allerlei Holzgefäße trugen und gegen Weizen und Hirse umtauschten, mehr noch der ihnen vom deutschen Kaiser Friedrich III. im Jahre 1492 gestattete Hausierhandel mit genannten Erzeugnissen, zu denen später auch Südfrüchte, Schnitt- und Galanteriewaren kamen, der sie besonders in die nördlich von Krain gelegenen deutschen Länder führte. Dort hatten sie reichlich Gelegenheit, einen Vergleich zu ziehen, wie weit sie hinsichtlich geistiger Bildung hinter den Stammesbrüdern standen.

Hausierer waren es, die die erste Anregung gaben, als noch lange kein Schulzwang bestand, daß da und dort im Ländchen irgend ein weitgereister Schreib- und lesenskundiger Handwerker, ein ausgedienter Soldat oder ein Invalide sich niederließ und in einer Bauernstube, gleichzeitig seine Wohn- und Schlafstube, eine Notschule errichtete, wie solche sogar noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bestanden, wovon mancher noch heute Lebende, der in einer solchen Schule seine Kenntnisse schöpfte, zu erzählen weiß. Um einen langen Tisch saßen auf langen Bänken Knaben und Mädchen und der Notlehrer brachte ihnen die notdürftigsten Kenntnisse im Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion bei, so gut er es verstand. Mancher Notlehrer erzielt bei seinen Schülern sehr schöne Handschriften, die vielfach bewundert wurden. Auch übernahm die Geistlichkeit die Ausbildung der Jugend. In den Pfarrhöfen wurde außer der Religion auch Lesen, Schreiben und Rechnen gelehrt.

Hausierer brachten geprüfte Lehrer ins Ländchen, die sie durch Versprechungen auf gute Entlohnung aus Böhmen oder Niederösterreich hereinlockten. Einige griffen bald wieder zum Wanderstabe, die Mehrzahl aber blieb dauernd hier.

Wann die erste öffentliche Schule errichtet wurde, ist nicht bekannt, da keine Aufzeichnungen vorliegen. Bestimmt ist, daß schon im 17. Jahrhundert in der Stadt Gottschee eine gutbesuchte Schule bestand. Im 18. Jahrhundert waren auf unserer deutschen Sprachinsel nur Privatschulen, sogenannte Notschulen. Die Gründung öffentlicher Schulen wurde erst dem 19. Jahrhundert vorbehalten. Vornehmlich waren es die Pfarrorte, in denen öffentliche Schulen erstanden, nämlich 1818 in Altlag, 1819 in Mitterdorf, 1820 in Mösel, 1822 in Tschermoschnitz, 1829 in Nesseltal und in Rieg, 1836 in Stockendorf, 1839 in Unterdeutschau, 1852 in Pöllandl, 1854 in Unterlag, und in Göttenitz, 1855 in Suchen, 1856 in Morobitz, 1863 in Ebental; dann 1874 in Stalzern, errichtet aus einer Schulstiftung. In Gottschee bestand bis zum Jahre 1876 eine gemischte Volksschule; in jenem Jahre wurde die Teilung in eine Knaben- und Mädchenschule durchgeführt. Erst im Jahre 1883 wurde die Privatschule an der Glasfabrik, heutiges Kohlenberwerk aufgelassen.

Mit den obengenannten Schulen wurde den Bildungsbedürfnissen des Gottscheer Völkleins noch lange nicht Genüge geleistet. Bestanden auch noch hie und da Notschulen, so mußten doch viele Kinder infolge der weiten Entfernung von der Pfarrschule ohne jeglichen Schulunterricht aufwachsen. Erst das Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869, durch das der Schulzwang eingeführt und infolge der gesteigerten Schülerzahl sich neue Schulgründungen als unabweislich erwiesen, machte dem allmählich ein Ende.

Bei der bekannten Dürftigkeit der Gottscheer Landgemeinden wäre die Erbauung der notwendigen Schulgebäude noch viele Jahrzehnte zum Schaden der heranwachsenden Jugend hinausgeschoben worden, wäre ihnen nicht ein ausgiebiger Helfer erstanden: der am 13. Mai 1880 in Wien gegründete Deutsche Schulverein. Er erbaute vielen Gemeinden das schöne Schulhaus oder unterstützte Schulbauten durch namhafte Summen; er errichtete selbst Schulen und besoldete die Lehrer; die meisten, ja fast alle Schulen im Ländchen stattete er mit Lehrmitteln aus und die Schuljugend bedachte er mit den nötigen Schulrequisiten. So war der Deutsche Schulverein der größte Wohltäter des Gottscheer Landes und manche Gemeinde hätte ohne seine seinerzeitige Mithilfe ihr schönes Schulhaus nicht.

Weitere Schulgründungen erfolgten an folgenden Orten: 1882 in Langenton und Maierle, im selben Jahre Errichtung der Fachschule für Holzindustrie in Gottschee, 1883 in Schäflein und Masern, 1884 in Hohenegg, 1885 in Lichtenbach, 1887 Eröffnung eines deutschen Kindergartens in Gottschee, 1888 in Steinwand und Unterskrill, 1892 in Lienfeld, 1885 Privatschule der Waisen- und Erziehungsanstalt in Gottschee, 1897 in Obergras, 1898 in Altbacher, 1905 in Reichenau und Verdreng, 1908 in Reuter, 1909 in Stalldorf und Rodine, 1910 in Wertschitz.

Von größter Wichtigkeit für die Sprachinsel war das 1872 gegründete Untergymnasium in Gottschee, das von 1907 bis 1911 zu einem Obergymnasium ausgestaltet wurde.

Das Gottscheer Land war somit mit Bildungsstätten reichlich versehen und in den letzten zwei Jahrzehnten vor dem Weltkriege stand unser Schulwesen in höchster Blüte. Jede Gemeinde hatte je nach ihrer Ausdehnung eine oder mehrere Schulen, so daß überall für einen regelmäßigen Schulbesuch gesorgt wurde und sich kein Kind wegen zu großer Entfernung vom Schulorte dem Unterrichte entziehen konnte.

An allen Schulen aber wirkten fast durchwegs deutsche Lehrkräfte, geborene Gottscheer, die die Sprache des Kindes - eine pädagogische Forderung - verstanden, die mit dem Volke fühlten, tüchtig und für ihren Beruf begeistert waren. Jeder war bestrebt, sein Möglichstes zu leisten, talentierte Schüler dem Gymnasium oder der Holzindustrieschule zuzuführen. Es herrschte darin ein wahrer Wetteifer. In dem im Jahre 1883 gegründeten deutschen Lehrervereine, dem Sammelpunkt der Gottscheer Lehrerschaft, wurden alle zum Gedeihen des Schulwesens wichtigen pädagogischen Fragen beraten; hier konnte jeder frei und ungezwungen seine Erfahrungen und Anregungen in kollegialer Weise mitteilen. Es war fürwahr eine schöne Zeit und mit Wehmut denkt heute mancher noch lebende Lehrer an sie und jene Berufsgenossen zurück, die schon der grüne Rasen deckt.

Gehört das Gottscheer Land infolge seiner Lage und Ausdehnung auch mehreren politischen Bezirken an, mit der Schulaufsicht über sämtliche deutschen Schulen wurde zu deren Gedeihen seit 1891 doch ein eigener deutscher Bezirksschulinspektor betraut, wie auch später für das gesamte deutsche Schulwesen in Krain ein deutscher Landesschulinspektor ernannt wurde.

Der Weltkrieg versetzte unserem heimischen deutschen Schulwesen einen harten Schlag, durch den Umsturz und die veränderten Verhältnisse aber erlitt es noch größere Einbußen, nur kümmerliche Reste verblieben. Dazu wurden mehrere Lehrkräfte in den Ruhestand geschickt, einige aber in das slowenische Gebiet versetzt, die Mehrzahl aber wanderte aus nach Österreich; andere traten an deren Stelle. Seit Ende 1918 wurden folgende Schulen in rein slowenische umgewandelt: Skrill, Obergras, Maierle, Reuter, Stalldorf, Wertschitz und Stockendorf. In Tiefenbach wurde aber eine neue Schule errichtet und die slowenische Unterrichtssprache eingeführt. Vollkommen aufgelassen wurde im Jahre 1929 die Schule in Steinwand, weil die Anzahl der schulpflichtigen Kinder den vorgeschriebenen Mindesstand nicht erreichte.

An allen anderen Schulen wird der Unterricht noch in der deutschen Sprache erteilt, in den einen zufriedenstellend, in den anderen nur kümmerlich, wie eben der Lehrer selbst die deutsche Sprache beherrscht. Die slowenische Staatssprache ist selbstredend an allen Gottscheer Schulen Pflichtgegenstand, womit jeder vernünftig denkende Gottscheer in anbetracht der heutigen Lage zufrieden ist. Man hat wohl versucht, an rein deutschen Schulen die slowenische Unterrichtssprache vom vierten Schuljahre weiter einzuführen, der deutschen Muttersprache nur drei kärgliche Wochenstunden einzuräumen und alte echte Gottscheer Schreibnamen als slowenische bezw. slowenisch klingende zu bezeichnen und die betreffenden Schulkinder in die slowenischen Klassen zu übersetzen.

Diese Versuche hat das neue Volksschulgesetz vom 9. Dezember 1929 rückgängig gemacht.

Dasselbe Entgegenkommen erwarten wir in den demnächst erscheinenden Durchführungsvorschriften des Gesetzes. Die Gottscheer können das neue Volksschulgesetz vom Minderheitsstandpunkte aus nur begrüßen und sind den maßgebenden höchsten Faktoren im Staate dafür sehr dankbar.

Die Gottscheer sind zwar nur ein kleines Völklein von etwa 15.000 ortsansässigen Bewohnern - mehr noch wohnen im Auslande, besonders in Amerika - und doch weist das Ländchen eine so große Anzahl von Intelligenzlern auf, daß es stolz darauf sein kann. In erster Linie ist dies dem Gottscheer Gymnasium zu verdanken, das bis 1918 eine Astalt mit deutscher Unterrichtssprache war. Aus den entferntesten Dörfern der Sprachinsel besuchten talentierte Knaben und Jünglinge diese Bildungsstätte, vielen allerdings nur ermöglicht durch die Stipendien, die der edle Johann Stampfl für arme Gottscheer Studierende gestiftet hatte. Seit dem Umsturze werden diese Stipendien, wie auch die der Stifter Luscher, Perz, Wiederwohl, Zeyser und Ritter von Regnard leider nicht mehr ausgezahlt; zudem ist an Stelle der deutschen die slowenische Unterrichtssprache getreten.

Die gesamte Gottscheer Lehrerschaft, ob sie nun in unserem Staate verblieb oder auswanderte, die Gottscheer Geistlichkeit, viele Post- und Bahnbeamte, Offiziere und eine große Anzahl akademisch gebildeter Gottscheer, heute größtenteils in der Republik Österreich in ihren Berufen tätig, waren seinerzeit Schüler des Gottscheer Gymnasiums.

In den letzten Jahren besuchen nun wieder mehrere Gottscheer Bürger- und Bauernsöhne das Gymnasium in Gottschee, womit schon der Beweis erbracht ist, daß unsere Buben die slowenische Staatssprache auch an den niedriger organsisierten Landschulen in dem Maße sich aneignen, daß sie dem Unterrichte am Gymnasium folgen können und im großen und ganzen recht erfreuliche Fortschritte zeigen.

Jedoch dies alles wäre unmöglich, wenn nicht die Bürger in der Stadt wieder ihre hilfreiche Hand aufgetan hätten, geradeso wie es ihre Altvordern getan anno dazumal. Die Wichtigkeit der Heranbildung heimischer Intelligenz voll verstehend, gewähren sie der talentierten studierenden Jugend Freitische und noch andere Begünstigungen. Es hat sich in der Stadt sogar ein Studentenunterstützungsverein gebildet, der in opfervoller Uneigennützigkeit alle Hebel in Bewegung setzt, der Heimat wieder besonders einen heimischen Lehrer- und Geistlichennachwuchs heranzuerziehen.

(Von Josef Perz, Oberlehrer i. R. und Fritz Högler, Oberlehrer in Mösel, Jubiläums-Festbuch der Gottscheer 600-Jahrfeier 1930)

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